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Der öffentliche Vortrag des Herrn Botschafters GENG Wenbing an der Universität Zürich
2018/10/19

Am 17.10.2018 hielt Herr Botschafter Geng Wenbing auf Einladung von Herrn Prof. Dr. iur. Andreas Kellerhals, Direktor des Europa Institutes, einen öffentlichen Vortrag mit dem Titel «China verstehen – Chancen und Herausforderungen einer rasanten Entwicklung» an der Universität Zürich. Etwa 350 Teilnehmer waren dabei anwesend. Der Vortragstext findet sich im Folgenden:

Meine Damen und Herren, liebe Studierende und Freunde,

hiermit begrüsse ich Sie ganz herzlich. Es ist mir eine grosse Ehre, heute auf einem der einflussreichsten Podien der Schweiz, wo Sir Churchill im Jahr 1946 seine weltbekannte Rede gehalten hat, einen Vortrag über China zu halten. Zu allererst möchte ich mich ganz herzlich bei Herrn Prof. Dr. Kellerhals, Direktor des Europainstituts, für die Einladung bedanken, und ebenfalls herzlichen Dank bei Ihnen allen für Ihr Erscheinen.

Im Vorgespräch haben wir, Prof. Dr. Kellerhals und ich, über den Inhalt des Vortrags besprochen. Mein ursprünglicher Plan war es, die frühneuzeitliche und neuzeitliche Geschichte Chinas mitsamt ihrer Kontinuität und Umbrüche darzustellen, wobei diese 200 Jahre sich in vier Perioden aufteilen lassen.Periode 1 befasst sich die Geschichte vom Ersten Opiumkrieg in 1840 bis zur Gründung der Volksrepublik China und umfasst einen Zeitraum von mehr als 100 Jahren. In der 2. Periode zwischen der Gründung der Volksrepublik 1949 und 1978 liegt der Schwerpunkt auf die Erläuterung über die innen- und aussenpolitische Situation. Mit Reform und Öffnung Chinas im Jahr 1978 begann die 3. Periode, die bis in die Gegenwart hineinreicht und zahlreiche Erfolge hervorbringt. Schliesslich möchte ich Ihnen die Entwicklungsvision und Zukunftsplanung Chinas für die nächsten 30 Jahre vorstellen. Planmässig soll China bis 2049, also zum 100. Jubiläum der Volksrepublik, ein vollständiges modernes sozialistisches Land werden, das von Prosperität, Demokratie, Zivilisiertheit, Harmonie und Schönheit geprägt ist. Welche Einflüsse wird China bis dahin auf die Welt ausüben? Wird China den Hegemonialanspruch erheben und seine Machtpolitik weltweit durchsetzen? Das sind Ängste und Besorgnisse, die momentan die Öffentlichkeit im Westen beschäftigen und wohl auch Sorgen mancher Teilnehmer heute sind. Allerdings ist Prof. Dr. Kellerhals der Ansicht, dass ich mich eher auf folgende Fragen konzentrieren soll: Worin liegt es, dass sich China so rasant entwickeln konnte? Wie ist China gelungen, solche Errungenschaften innerhalb weniger Jahrzehnten zu erzielen? Warum führt die Entwicklung Chinas immer wieder zu Debatten? Welche grosse Chancen sieht China heute und worin bestehen die härtesten Herausforderungen? Nach reichlicher Überlegung bin ich überzeugt, dass diese Fragen als Leitfaden für die Darstellung der chinesischen Geschichte in den letzten 200 Jahren geeignet sind, denn das sind die Themen, mit denen sich die heutige internationale Gemeinschaft und auch viele westliche Forscher äusserst intensiv beschäftigen.

Ich fange nun mit der Frage an, warum sich China so rasant entwickeln konnte.

Trotz der Differenz zwischen China und den Industrieländern, sprich den USA und europäischen Ländern, in der allgemeinen nationalen Stärke gilt China heute als die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt. Seit 2006 wächst die chinesische Wirtschaft jährlich um ca. 1500 Milliarden USD. In den vergangenen 40 Jahren nahm das Bruttoinlandprodukt Chinas um durchschnittlich 9,5% pro Jahr zu, das Aussenhandelsvolumenum 14,5% p.a.. Obwohl die chinesische Wirtschaft seit 2012 einen neuen Gang eingelegt hat, wächst sie durchschnittlich immer noch um 7,1% pro Jahr, viel stärker als der weltweite Durchschnitt von ca. 2,8%. Das 40 Jahre lang andauernde rasante Wachstum Chinas ist unmittelbar auf die Reform- und Öffnungspolitik im Jahr 1978 zurückzuführen, als sich China nach aussen öffnete. Als Hintergrund ist zu wissen, dass die Wirtschaftsleistung Chinas im Jahr 1978, mit einem Pro-Kopf-BIP i. H. v. 155 USD, gerade mal ein Zwanzigstel der US-amerikanischen Wirtschaftsgrösse war. Die Subsahara-afrikanischen Länder gelten zwar als die ärmste Region der Welt, aber ihr BIP pro Kopf betrug im Jahr 1978 immerhin 490 USD, dreimal so hoch wie im zeitgenössischen China. Seit 1978 ist das BIP Chinas von 149,5 Milliarden auf 12 000 Milliarden USD gewachsen, die Wirtschaftsleistung ist dementsprechend um das 225-fache angestiegen. Das BIP pro Kopf hat um das 57-fache zugenommen, nämlich von 155 auf 8800 USD.Dank der Reform und Öffnung erlebt unser Land mit über einer Milliarde Einwohnern den kontinuierlichen Wirtschaftsaufschwung.

Für ein Land ist nicht schwierig, die Wirtschaftsleistung kurzfristig rasant zu steigern. Wiederaufbau nach einem Krieg oder wichtige Förderpolitik vonseiten der Regierung beispielsweise können ein schnelles Wachstum für einige wenige Jahre herbeiführen. Jedoch kommt es selten vor, dass ein grosses Land seine hohe Wachstumsrate langfristig halten kann. Denn ein lang anhaltendes, starkes Wirtschaftswachstum führt unweigerlich zu Ungleichgewichten oder gar Krisen, wobei die steigenden Regierungskosten eine Schlüsselrolle spielen. Wenn die Regierungspartei oder die Staatsführung inkompetent ist, wird aus einer schwierigen Situation leicht eine Krise, deren Bewältigung noch mehr Kosten verursachen wird. Eine gravierende Krise könnte sich in den politischen Zusammenbruch umwandeln, was zum wirtschaftlichen Stillstand oder gar Rückschritt führen würde. Dass sich die chinesische Wirtschaft trotz der Bevölkerungszahl von 1,38 Milliarden Bevölkerung 40 Jahre lang ununterbrochen positiv entwickeln kann, ist nicht allein als Erfolg der Reform- und Öffnungspolitik zu betrachten, sondern es gibt auch noch einen wichtigen Faktor, der dazu beigetragen haben: China hat einen eigenen Entwicklungsweg beschritten und ein Gesellschaftssystem entwickelt, welches den chinesischen Gegebenheiten entsprechen. Hinzu kommt auch noch, dass die Kommunistische Partei Chinas in der Lage ist, als Regierungspartei fortlaufend ihre Regierungskompetenzen zu erhöhen.

Pauschalisierend bezeichnen wir das Entwicklungsmodell der Industrieländer als das westliche kapitalistische Entwicklungsmodell. Die dazu gehörenden Länder teilen ein gemeinsames Wertsystem und eine gemeinsame Ideologie. Die Entwicklung Chinas hingegen wirkt wie ein Sonderfall, denn das Land hat weder das Gesellschaftssystem noch das Entwicklungsmodell vom Westen kopiert. China ist bis dato weltweit das einzige grosse Land, in dem der Sozialismus realisiert ist und dessen Wirtschaft einen schnellen Aufschwung aufweist. In der Tat hat China Anfang des 20. Jahrhunderts versucht, dem kapitalistischen Weg zu folgen.Aber der 2000 Jahre dominierende war noch tief unf fest in der sozialen Mentalität verwurzelt, Menschen lebten in Not und Elend, ausländische Invasionen und Kriege waren an der Tagesordnung. Unter diesen Umständen konnte sich der Kapitalismus in China nicht etablieren. Nach der Gründung der Volksrepublik suchte die Kommunistische Partei Chinas stetig nach einem geeigneten Entwicklungsweg. Hiermit möchte ich darauf hinweisen, dass das sozialistische System Chinas keinen dogmatischen Sozialismus darstellt, sondern Vorteile von anderen Systemen aufnimmt und ständig nach Erneuerungen sucht, um seine Fortschrittlichkeit und Eignung für die gesellschaftliche Entwicklung beizubehalten. Ein System kann noch so gut sein, aber wenn es den Gegebenheiten des Landes nicht entspricht oder dem gesellschaftlichen Entwicklungsstadium zu weit voraus ist, wird es nicht in der Lage sein, die langfristige Wirtschaftsentwicklung und die gesellschaftliche Stabilität zu gewährleisten.

Über Chinas Aufstieg wird oft debattiert, manche Länder machen sich auch Sorgen und zeigen Ängste. Meines Erachtens stammen die Ängste und Besorgnisse aus der sogenannten «China-Bedrohungs»-Theorie. Zusammengefasst bestehen die Sorgen hauptsächlich in den folgenden drei Punkten: Erstens wird befürchtet, dass das chinesische System eine Bedrohung darstellen könnte. Während des Kalten Krieges war der Unterschied der politischen Systeme eine Hauptquelle der internationalen Konflikte. Doch der Kalte Krieg war bereits vor etwa 20 Jahren beendet. Inzwischen ist China auf dem Weg der Reform und Öffnung weit fortgeschritten, soziale Umstände und die Mentalität der Bevölkerung haben sich stark verändert. Obwohl unser Wertsystem sich von dem des Westens unterscheidet, ist das chinesische Volk doch fest davon überzeugt, dass unterschiedliche Gesellschaftssysteme friedlich ko-existieren und voneinander lernen können. Dennoch haben manche Leute im Westen die Denkweise des Kalten Kriegs noch nicht abgelegt. Sie erachten Länder mit anderen politischen Systemen als Rivalen oder gar als Feinde. Lange glaubte der Westen, dass China auf Grund der Reform- und Öffnungspolitik das westliche Ideal vollständig übernehmen würde. Wenn der Westen nun aber feststellen muss, dass China nicht diesen Weg einschlägt, sondern mit seinem eigenen politischen Modell Erfolge verbucht, nimmt der Westen dies – völlig unbegründet – als Bedrohung wahr. Es wird befürchtet, dass immer mehr Länder das chinesische Modell nachahmen würden, was der Westen als eine starke Herausforderung und Bedrohung für die westliche, liberale Demokratie betrachtet. Zweitens wird China als eine wirtschaftliche Bedrohung wahrgenommen. Seit der Reform und Öffnung hat sich in China ein einzigartiges Wirtschaftsentwicklungsmodell erfolgreich etabliert. In den letzten Jahren steht im Westen das Konzept des sogenannten «chinesischen Staatskapitalismus» ständig zur Debatte. Man glaubt beispielsweise, die chinesische Wirtschaft sei mit Hilfe der Regierungsintervention gewachsen, und auf dem Weltmarkt handelten chinesische Staatsunternehmen nach dem Staatswillen, was die Wettbewerbsfähigkeit westlicher Unternehmen beeintächtigen würde. Oder China würde versuchen, mit Firmenübernahmen im Ausland die Weltwirtschaftsordnung zu verändern. Man vermutet geopolitische Interessen hinter der Belt & Road-Initiative, oder dass China die bestehenden internationalen Regelwerke in Frage stellen würde. Drittens fürchtet man sich vor einer militärischen Bedrohung aus China. Mit dem Anstieg der nationalen Stärke ist auch Chinas Verteidigungs- und Militärkraft gewachsen, was dazu führt, dass manche Leute im Westen davor Angst bekommen, dass China Expansion- und Angriffskrieg führen würde. Diese Leute berufen sich auf die steigenden Militärausgaben Chinas und behaupten, China stelle eine Gefahr für die Nachbarländer dar. Mit all möglichen Mitteln versuchen sie,die Entwicklung Chinas einzudämmen. Unter verschiedensten Vorwänden werden China Steine in den Weg gelegt.

Die Frage ist aber: Muss man sich wirklich wegen des raschen Aufstiegs Chinas so viele Sorgen machen?

Betrachten wir als Erstes das politische System. China importiert weder ausländische Modelle, noch hat es im Sinne, sein Modell zu exportieren. China wird kein Land dazu auffordern, das chinesische Modell abzunehmen. Der chinesische Weg wurde vom Volk selbst ausgewählt, mit all dem dazugehörenden Freud und Leid. Chinas Erfolge sind einem Entwicklungsweg zu verdanken, der den chinesischen Gegebenheiten entspricht. Diese Erfolge haben ihre Wurzel in der festen Überzeugung des Volks vom selbst gewählten Gesellschaftssystem und Entwicklungsweg. Das Volk hat dafür fleissig und hart erarbeitet. Die Bedeutung des Erfolges des chinesischen Modells liegt deshalb nicht darin, ein universales Standard zu schaffen.Stattdessen verkörpert es unseren Glauben und unser Durchhaltevermögen. Es zeigt, dass China von den eigenen Gegebenheiten ausgeht und nach Lösungen für konkrete Probleme sucht. Gleichzeitig ist China aber auch weltoffen und bereit,von den Erfahrungen anderer Länder zu lernen. In der Welt werden öfters fremde Modelle unreflektiert übernommen.Letztlich gilt aber, was ein altes Sprichwort sagt: Nur der Träger weiss, ob fremde Schuhe seinen Füssen passen.

Als Zweites können wir auf die Wirtschaft schauen. Obwohl China weltweit die zweitgrösste Volkswirtschaft ist, hat es immer noch 1,38 Milliarden Einwohner. Pro Kopf beträgt das BIP nur etwas über 8000 US Dollar. In der Rangkingliste belegt China bloss Platz 70. Zum Vergleich: In der Schweiz beläuft sich das BIP pro Kopf auf über 80 000 US Dollar. In China leben noch 30 Millionen Menschen in Armut. Daher ist es nach wie vor das Hauptziel der chinesischen Wirtschaftsentwicklung, den Lebensstandard zu verbessern und allen Chinesen einen moderaten Wohlstand zu sichern.Die Wirtschaftsleistung Chinas ist noch lange nicht so stark, dass sie anderen Ländern eine Bedrohung darstellt. Nach wie vor gehört das Land zu den Entwicklungsländern. Die Theorie, dass China eine Bedrohung darstellt, beruht entweder auf unbegründeten Ängsten, oder sie dient gewissen politischen Zielen. Hegemonialanspruch und Machtpolitik widersprechen den aktuellen Bedürfnissen Chinas, sie werden auch keine langfristigen Ziele sein. Dies wird besonders diejenigen einleuchten, die mit der chinesischen Geschichte und Kultur vertraut sind.Was die Belt & Road-Initiative betrifft, so ist sie eine grosse Plattform für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Die Projekte werden gemeinsam beraten, aufgebaut und sie nutzen allen. Sämtliche Partner beteiligen sich an den Projekten und profitieren von den Erfolgen. Das heutige China möchte weder jemandem den Kuchen wegnehmen, noch möchte es sich mit Kuchenresten von den Anderen begnügen. Stattdessen möchte China im bestehenden internationalen System einen neuen Kuchen backen und diesen mit unseren Partnern teilen. Um bei dieser Metapher zu bleiben, bedeutet die B & R-Initiative, mit der internationalen Gemeinschaft zusammen einen grossen Kuchen zu backen. Je grösser dieser Kuchen ist, desto grösser der gemeinsame Nutzen. Wir begrüssen einerseits alle, die sich mit China an dem Kuchenbacken beteiligen möchten. Andererseits zwingen wir auch niemanden dazu mitzumachen.

Das dritte Thema geht um Verteidigung und Militär. China verfolgt eine defensive Verteidigungspolitik und stellt keinem Land eine Gefahr dar. Was früher galt, gilt auch heute: die Verteidigungskraft eines Landes soll dessen Wirtschaftsentwicklung entsprechen. China wächst, also soll auch die Verteidigungskraft entsprechend wachsen. Auf dieser Art und Weise verhalten sich alle grosse Länder. Der Anteil der Militärausgaben Chinas an seinem BIP betragen weniger als 2% und ist der niedrigste unter den Grossmächten. Die chinesische Nation hat in der Vergangenheit nie ein fremdes Land angegriffen und werd dies auch in der Zukunft nie tun. Egal wie weit sich China entwickelt, wird es nie versuchen, die Welt zu erobern. Bestimmungen gegen Hegemonie und Machtpolitik sind in der Verfassung und der Partei-Charta verankert. An dieser Stelle möchte ich noch betonen: Unter den fünf ständigen Mitgliedern des UNO-Sicherheitsrates ist China das einzige Land, das sein eigenes Territorium noch nicht vereint hat. Es ist deshalb notwendig, über genügend starke Militärkraft zu verfügen, um die nationale Souveränität und die territoriale Integrität zu sichern. Das chinesische Volk musste ein ganzes Jahrhundert lang Invasionen und Demütigungen über sich ergehen lassen, diese Geschichte darf und wird sich auch nicht wiederholen.

Wenn Sie die frühneuzeitliche und neuzeitliche Geschichte Chinas kennen, dann können Sie verstehen, warum Chinesen den Frieden noch mehr als andere Völker zu schätzen wissen. 1840 wurde China von ausländischen Mächten mit modern ausgerüsteten Schiffen und Kanonen angegriffen. Die Qing-Dynastie war dem Untergang geweiht, die korrupte Regierung konnte sich nicht gegen die Grossmächte wehren. Das Volk litt seitdem hundert Jahre lang unter Kriegen. Erst die Gründung der Volksrepublik im Jahr 1949 beendete die lange Geschichte der Demütigung. Zuvor wurden allein in den acht Jahren des Sino-Japanischen-Krieges 35 Millionen Chinesen umgebracht. Das Ausmass der Schäden durch Zerstörungen und Plünderungen ist kaum vorstellbar. Heute befinden sich weltweit in renommierten Museen immer noch zahlreiche aus China geplünderte Kulturschätze. Dies bedeutet eine grosse Tragödie für das Land und sein Volk. Wie können wir Chinesen diese Geschichte vergessen!

Zur gleichen Zeit hatte der Westen bereits die zweite Industrielle Revolution hinter sich und erlebte einen grossen Aufschwung. Zwischen Mitte des 19. und Mitte des 20. Jahrhunderts schaffte es die Schweiz,einen modernen Bundesstaat zu gründen, eine Verfassung festzulegen, und die Infrastrukturen auf- und auszubauen. Bereits 1836 wurde in der Schweiz die ersten Zahnradbahnen erfunden, um die Bergwelt besser zu erschliessen. 2016 wurde ich eingeladen, das Hotel Beau Rivage Palace in Lausanne zu besichtigen. Das edle, 1861 erbaute Fünfstern-Hotel steht am Genfersee. In diesem Hotel stehend, schweiften meine Gedanken jedoch an den Zweiten Opiumkrieg, der im selben Jahr ausbrach. Im Jahr 1861 konnte der Westen bereits Luxushotels bauen, aber das chinesische Volk litt immer noch unter Kriegen und Nöten, welche ein ganzes Jahrhundert lang andauerten. Weder die heutigen Chinesen noch die westlichen Grossmächte, die damals China angriffen, dürfen diese traurige Geschichte vergessen!

Nach der Gründung der Volksrepublik 1949 musste alles Versäumte nachgeholt werden. China bestand darauf, den sozialistischen Weg zu gehen. Deshalb wurde China vom Westen und von den USA dem Lager der Sowjetunion zugeordnet und lange Zeit als Feind betrachtet. Vor dem Hintergrund des Hegemonialkampfs zwischen den USA und der Sowjetunion erprobte die neue Volksrepublik, mit vielen Schwierigkeiten belastet, den eigenen Weg. Dabei wurden unvermeidlich Fehler begangen,wie die Kulturrevolution. Zudem sah sich China mit anhaltenden Sanktionen und Boykott durch den von den USA dominierenden Westen konfrontiert. Ihren legitimen Sitz in der UNO erhielt die Volksrepublik China erst 1971 zurück. Bis 1978 verbrachte China knapp 30 Jahre, um einen geeigneten Weg zu finden. Dabei zahlten Chinesen hohen Preis. Zum Glück konnte sich das chinesische Volk wieder aufrichten und sich aus allerlei Not befreien.

Das Jahr 1978 liegt bereits 40 Jahre zurück. In diesen vier Jahrzehnten hat sich China von einem rückständigen Land zu einem Land mit aufkeimender Prosperität entwickelt.Inzwischen zählt China zu den weltgrössten Volkswirtschaften. Die entscheidende Wendung dafür fand im Jahr 1978 statt, als der damalige Staatsoberhaupt Deng Xiaoping die Reform- und Öffnungspolitik einführte. Seither ist China auf die Wirtschaftsentwicklung fokussiert, mit Reformen nach innen und Öffnung nach aussen. Reform nach innen bedeutet vor allem Einführung der marktorientierten Struktur: der Markt soll bei der Ressourcenallokation eine entscheidende Rolle spielen. Öffnung nach aussen bedeutet, sich der Welt zu öffnen und in die Welt zu integrieren. Dieser Öffnungsprozess erlebt bisher drei Anschubsphasen. Die erste Phase umfasst die 1980er und 1990er Jahre. China öffnete sich für asuländische Direktinvestitionen und investierte seinerseits in Infrastruktur- und Industrieprojekte. Damit wurden die Voraussetzungen geschaffen, dass sich China zu einem bedeutenden Fertigungsland umwandeln konnte. Die zweite Anschubsphase dauerte vom WTO-Beitritt im Jahr 2001 bis zum Jahr 2012. Während dieser Phase ist China gelungen, sich einerseits an den internationalen Handels- und Investitionsregeln, vor allem denjenigen der westlichen Industrieländer, anzupassen, und seinen Platz in der Weltwirtschaftsordnung einzunehmen.Andererseits hat China geschafft,sich in die weltweite Wertschöpfungskette zu integrieren, sodass China allmählich ein unnachlässiger Bestandteil der globalen Industrie- und Wert¬schöpfungskette geworden ist. Die dritte Anschubsphase begann im Jahr 2013, als China sich pro-aktiv öffnet und hofft, – anhand seiner Finanzstärke sowie seiner Stärke in gewissen Technologien und bestimmten Branchen – mit anderen Ländern zusammen die neuen Seidenstrassen aufzubauen. Dadurch werden die globalen Interkonnektivitäten in den Bereichen Infrastruktur, Handel, Investition, Finanzwesen und Kultur gestärkt, und eine gemeinsame Entwicklung dank gegenseitiger Unterstützung wird ermöglicht.

40 Jahre Reform und Öffnung brachten China beachtliche Erfolge. Am wichtigsten ist es, dass 700 Millionen Chinesen aus der Armut befreit sind. China setzt nun viele Mittel dafür ein, um die verbliebenen 30 Millionen unter der Armutsgrenze lebenden Menschen ebenfalls aus ihrer materiellen Not zu befreien. Bis 2020 soll in China die absolute Armut vollständig beseitigen. Ausserdem hat sich die Lebensqualität der Bevölkerung massiv verbessert. In den letzten Jahren entstanden jährlich ca. 13 Millionen neue Arbeitsplätze in den Städten; die städtische Arbeitslosenquote liegt konstant auf einem tiefen Niveau von 4%. Das Volk geniesst mehr Chancen auf Bildung, die Analphabetenrate konnte seit 40 Jahren von mehr als 30% auf weniger als 3% gesenkt werden. Immer mehr Menschen erhalten Zugang zur tertiären Bildung. Der Anteil der Arbeitskräfte mit Hochschulabschluss konnte von 0.5% auf 25% erhöht werden. Auch die soziale Versorgung steht heute viel besser da. Über 85% der Bevölkerung sind dem nationalen Altersversorgungssystem angeschlossen, über 95% haben eine grundlegende Krankenversicherung. Des Weiteren gibt der Aufstieg Chinas der Weltwirtschaft ebenfalls eine neue Dynamik. Seit dem Ausbruch der Finanzkrise 2008 wirkt China als der Hauptmotor der globalen Erholung. Laut Statistik betrug der jährliche Beitrag Chinas zum globalen Wirtschaftswachstum über 20%. In den letzten fünf Jahren sogar über 30%. Somit ist China ein entscheidender Wachstumsmotor der Weltwirtschaft.

Soeben habe ich Ihnen einen kurzen Überblick über die chinesische Geschichte in den letzten 170 Jahre gegeben. Vom Ersten Opiumkrieg bis zur Gründung der Volksrepublik litt das chinesische Volk 100 Jahre lang unter ausländischen Angriffskriegen, Alltagsnot und Elend. In den darauf folgenden 30 Jahren bis zur Einführung der Reform und Öffnung konnte sich die Nation wieder aufrichten, obwohl sie dabei viele Umwege machte und hohe Preise zahlen musste. Aber sie konnte dadurch auch einen Entwicklungsweg erproben, der den landesspezifischen Gegebenheiten entspricht. Ausserdem wurden die Grundlagen für die Reform und die Industrialisierung geschaffen. Die vergangenen vier Jahrzehnte sind schliesslich geprägt von Reform und Öffnung. Die Wirtschaft und der Lebensstandard verzeichneten ein rasantes Wachstum. Die chinesische Nation hat ihren Platz inmitten der Nationen der Welt wieder gefunden. Nach diesem geschichtlichen Rückblick möchte ich Ihnen nun Chinas Vorhaben für die kommenden 30 Jahre erläutern, wofür sich die Gesellschaft und Medien im Westen zweifellos noch mehr interessiert. Innenpolitisch verfolgen wir zwei als "chinesische Träume" bezeichnete Jahrhundertziele: Das Erste ist die Befreiung der letzten 30 Millionen in Armut lebenden Menschen aus ihrer materiellen Not und der Aufbau einer Gesellschaft mit moderatem Wohlstand bis 2021, also 100 Jahre nach der Gründung der Kommunistischen Partei Chinas. Das zweite Jahrhundertziel besteht darin, das Land bis 2049, also zum 100. Jubiläum der Gründung der Volksrepublik, in ein modernes sozialistisches Land umzuwandeln, das prosperierend, stark, demokratisch, kulturell fortschrittlich, harmonisch und schön ist. Die internationalen Beziehungen betreffend bestehen auch zwei Ziele. Erstens fördert China die Etablierung der neuartigen internationalen Beziehungen, deren Kernkonzepte gegenseitiger Respekt, Zusammenarbeit und gemeinsamer Nutzen sind. Zweitens fördert China den Aufbau einer Schicksalsgemeinschaft der Menschheit. Schlüsselwörter dabei sind nachhaltiger Frieden, allgemeine Sicherheit, gemeinsame Prosperität, Offenheit, Inklusivität, saubere Umwelt und Schönheit. Kurz: China möchte in den nächsten 30 Jahren erstens eine echte Weltmacht werden, und zweitens mehr zu Entwicklung, Frieden, Fortschritt und Prosperität der Welt beitragen.

Prof. Dr. Kellerhals möchte, dass ich heute insbesondere über die vorhersehbaren Chancen und Herausforderungen während der Realisierung dieser Ziele spreche. Zuerst möchte ich über die Chancen bzw. die vorteilbringenden Faktoren, sprechen:

Trotz lokaler Kriege stellen global gesehen Frieden und Entwicklung immer noch das Hauptumfeld dar. Dies bietet sowohl China als auch der ganzen Welt grosse Entwicklungschancen. Obwohl es momentan De-Globalisierungsstimmen gibt, ist die Globalisierung als ein Hauptströmung der Geschichte nicht umzukehren. Weltweite Integration wird sich fortsetzen und der Weltmarkt wird noch offener werden. Der aufkommende Protektionismus kann nicht lange anhalten. Daher werden die globale Wirtschaftsordnung und die wirtschaftlichen Strukturen in den nächsten fünf bis zehn Jahren wohl Veränderungen, aber keine disruptive Umwälzung erleben. Als eine aufstrebende Grossmacht befürwortet China die wirtschaftliche Globalisierung, Handelsliberalisierung und -erleichterung. Dennoch findet China auch, dass bei den globalen Regelwerken notwendige Reformen durchzuführen sind, um der heutigen Situation und den Anforderungen zahlreicher Entwicklungsländer gerecht zu werden. China wird die Interaktion mit der Weltgemeinschaft verstärken und aktiv an Reformen der zukünftigen internationalen Koordinationsmechanismen teilnehmen. Gleichzeitig arbeitet die Welt auf Industrie 4.0 hin. Die globale Wissens- und Technologieentwicklung bietet China eine historische Chance, um auf die Überholspur zu gelangen. Als führendes Land auf dem Gebiet der Digitalisierung und der künstlichen Intelligenz kann China diese Technologien an vorderster Front weiterentwickeln. Im Lande werden technische Innovationen zum neuen Wachstumsmotor.Wer in der heutigen Welt technische Innovationen vorantreibt, ist anderen voraus.Die Chancen, die die neuen Technologien mit sich bringen, stehen allen Ländern offen. Zweitens erhöhen die neuen regionalen Entwicklungsstrategien auch deren wirtschaftliche Elastizität. Die B&R-Initiative, die koordinierte Entwicklung von Beijing, Tianjin und Hebei sowie Errichtung eines Wirtschaftsgürtels entlang dem Jangtse-Fluss werden die räumliche Anordnung der Wirtschaftsentwicklung optimieren, damit die Wirtschaft nachhaltig und dynamisch wachen kann. Drittens schafft das grosse Potential des Konsumentenmarktes mittel- und langfristige Wachstumschance. Mit der rasanten Wirtschaftsentwicklung nimmt das Einkommen der chinesischen Bevölkerung ständig zu. Obwohl die Konsumquote noch hinter den Industrieländern und sogar hinter anderen Entwicklungsländern zurückliegt, bildet der Konsumentenmarkt einen immer wichtiger werdenden Wachstumsbereich. Gemessen an den allgemeinen Konsumausgaben belegt China weltweit den 2. Platz, gerade noch hinter den USA. Der wachsende Konsumentenmarkt bietet somit auch grosse Chancen für internationale Unternehmen. Im Zuge von Chinas Entwicklung zu einer Gesellschaft mit moderatem Wohlstand kommen 1,38 Milliarden Menschen in den Genuss eines immer höheren Lebensstandards. Der Konsumentenmarkt wird sicherlich quantitativ und qualitativ weiter wachsen, was die chinesische Wirtschaft vorantreiben wird. Viertens bringt die Transformation der gesellschaftlichen Struktur auch grosse Chancen. Der Mittelstand macht gegenwärtig nicht einmal 20% der Gesamtbevölkerung aus. Sein Anteil wird in den nächsten 20 bis 30 Jahren jedoch auf ca. 35% steigen. Dieser Transformationsprozess und die Vergrösserung des Mittelstands sind zentrale Faktoren für eine nachhaltige und stabile Wirtschaftsentwicklung und werden zahlreiche Chancen schaffen.

Erfahrungsgemäss werden Chancen oft von Herausforderungen begleitet. Die internationale Lage ist derart komplex, dass sich China mit vielen Herausforderungen im In- und Ausland konfrontiert sieht.

China verwendet das System der Mehrparteienkooperation und der politischen Konsultation unter der Führung der Kommunistischen Partei. In diesem Umfeld besteht die wichtigste Aufgabe darin,die Position der Kommunistischen Partei als alleinige Regierungspartei zu festigen. Sollte eine Partei über 20 Jahre lang ununterbrochen ein Land regiert haben, kann bereits von einer langen Regierungszeit gesprochen werden. Nach der Gründung der Volksrepublik regiert die Kommunistische Partei Chinas nun 69 Jahren. Je länger die Regierungszeit, desto grösser die Belastungsproben und Risiken. Ob eine Partei inmitten komplexer politischer Interessenkonflikte langfristig regieren kann, hängt vor allem davon ab, ob sie in der Lage ist, sich an den aktuellen Umständen anzupassen, Mut zur Selbsterneuerung zu haben, mit den Hauptströmungen Schritt zu halten, die Ansprüche der Gesellschaft zu erfüllen, und nachhaltige Unterstützung der Bevölkerung zu erhalten. Die grösste Belastungsprobe für die weltgrösste Regierungspartei besteht nun darin, die Regierungskompetenzen ständig auszubauen, die Parteistrukturen weiterhin zu stärken, die Fortschrittlichkeit der Partei zu erhalten, die Korruption zu bekämpfen, und die Parteimitglieder strikter zu disziplinieren.

China ist bei seinen Reformen in eine kritische Phase eingetreten und mit grossen Schwierigkeiten konfrontiert. Dazu zählen u. a.Ungleichheiten, Unvollständigkeit, und noch unzureichende Qualität der Entwicklung, die relativ schwache Innovationskraft, das anzuhebende Niveau der Realwirtschaft, der mangelhafte Umweltschutz, der Nachholbedarf des Alltagsleben der Bevölkerung, Armutsbekämpfung, die grosse Ungleichheit zwischen Stadt und Land, Schwierigkeiten bei der Beschäftigung, Bildung, medizinischer Versorgung, Wohnsituation und Altersversorgung, mangelhafte Kultiviertheit der Menschen, verflochtene gesellschaftliche Problemen, der anspruchsvolle Aufbau der umfassenden Rechtsstaatlichkeit, neue Risiken für die Sicherheit des Staats und die Stabilität der Gesellschaft, sowie die noch anstehende Umsetzung von Reformbeschlüssen und politischen Massnahmen: das sind Probleme und Herausforderungen, die China in den kommenden Jahren zu lösen hat.

Auch die Weltlage hat sich stark verändert. Fakoren zur Unsicherheit nehmen zu. Protektionismus, Unilateralismus und Populismus kommen auf, so dass der Globalisierungsprozess und der freie Handel beeinträchtigt werden. Die USA als das weltweit mächtigste Land führen nun die Zerstörung der Weltordnung an, die sie selber seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs dominiert haben. Die USA haben Handelskriege lanciert und sich von der Trans Pacific Partnership, dem Pariser Klimaabkommen und dem von allen Seiten hart erarbeiteten Iraner Nuklearabkommen zurückgezogen. Sie drohen sogar mit dem Rückzug aus der WTO. Die «America First»-Politik verletzt die internationale Handelsordnung und damit die Interessen anderer Länder. Diese werden wohl ihre Aussenhandelspolitik entsprechend anpassen, um ihre eigenen Interessen zu verteidigen, was den globalen Freihandel weiter erschweren wird.

Indes ist China sich bewusst, was die Geschichte auch zeigt, dass jedes aufstrebende Land während seines Aufstiegs eine kritische Phase durchlaufen muss. Während dieser Phase sind die betroffenen Länder mit massiv erhöhten Risiken und Herausforderungen ausgesetzt. In der kritischen Phase des Aufstiegs gerät das aufstrebende Land unausweichlich mit den bestehenden Grossmächten in heftige Interessenkonflikte und wird unter starken Druck gesetzt. Es ist eine historische Gesetzmässigkeit und eine unausweichliche Schwelle. Großbritanien im 17. und 18. Jahrhundert, Frankreich im 18. und 19. Jahrhundert, sowie die USA im 20. Jahrhundert durchliefen jeweils diesen Prozess. Nach 40 Jahren Reform und Öffnung ist China 2010 die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt geworden. Und nun befindet sich China – wie die Grossmächte in der Geschichte – auch in einer kritischen Aufstiegsphase. Die Frage ist nicht ob, sondern wann China unter Druck gesetzt wird. Alle externen Herausforderungen und Probleme seit 2010 hängen damit zusammen. Der von den USA lancierte Handelskrieg ist eine Fortsetzung dieses Vorgangs. Möglicherweise wird dieser Druck in der Zukunft noch weitere Formen annehmen. Aber wie ein altes Sprichwort sagt, der Himmel wird schon nicht einstürzen. Das chinesische Volk wird weder nur auf Glück hoffen noch in Panik geraten, sondern sich noch mehr auf seine eigenen Aufgaben konzentrieren, Vorurteilen mit Taten und Druck mit Leistungen erwidern.

Der internationalen Gemeinschaft stehen stürmische Zeiten bevor. China erwartet weiterhin externe Herausforderungen. Die beste Reaktion ist, seine eigenen Aufgaben zu erledigen. Die chinesische Regierung ist dazu fähig, und das chinesische Volk ist überzeugt, den Herausforderungen gewachsen zu sein. Wir werden mit entschlossenen Schritten das grosse Wiederaufleben der chinesischen Nation verwirklichen und hoffen, dass immer mehr Leute, auch Sie, die heute Anwesenden, das chinesische Herz verstehen können.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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