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Interview des SRF mit Herrn Botschafter Geng Wenbing
2019/03/12
Am 25.02.2019 wurde im SRF-Programm «Echo der Zeit» das Interview mit Herrn Botschafter Geng Wenbing ausgestrahlt. Innerhalb zwei Stunden erörterte Herr Botschafter Geng schwerpunktmässig Themen über die Entwicklung Chinas, den Schutz des geistigen Eigentums, den Handelsstreit zwischen China und den USA sowie die Rolle Huawei in der 5G-Netzeinrichtung etc.. Im Folgenden findet sich die Inhaltsangabe des Interviews:
 

Botschafter Geng:Gerade haben Sie von Kunst gesprochen. Lass uns also mit Kunst anfangen. Sowohl in der Kunst als auch in der Philosophie unterscheiden sich der Osten und Westen wesentlich: Die Hauptströmung der westlichen Gemälde stellen Porträts dar, in denen die Bedeutung der Menschen als solcher hervorgehoben sind. Im Gegensatz dazu bildet die Natur die Grundlage der chinesischen Malerei. Dabei wird die Macht der Natur unterstrichen, während Menschen als ein Teil davon dargestellt werden. Dieser Kontrast der Kunst lässt sich auf die unterschiedlichen Ursprünge der östlichen und westlichen Philosophien zurückführen. Etwa zur gleichen Zeit entstanden im Osten und Westen die Philosophien parallel zueinander. Konfuzius, der Budda, Sokrates und Aristotles, sie lebten und lehrten alle im 5. Jahrhundert vor Chrsitus. Westliche Philosophen besannen sich vor allem über die Beziehung zwischen Menschen und der Natur, während in der östlichen Philosophie die zwischenmenschliche Beziehung eher an Bedeutung gewann. In der künstlichen Darstellung entwickelte sich die Tendenz aber genau andersrum: Die östliche Kunst fokussierte auf die Schönheit der natürlichen Schönheit, die westliche Kunst dagegen legte grossen Wert auf die Individualität jedes einzelnen Menschen. Dies zeigt die Verbindung und Harmonie zwischen dem Osten und Westen.
Ich habe Ihren Fragenkatalog angeschaut. Die Fragen über den Schutz des geistigen Eigentums sowie den sog. Gezwungenen Techniktransfer nehmen einen grossen Anteil davon. Wenn wir heute über Schutz des geistigen Eigentums reden, soll man einen Blick auf die chinesische Geschichte werfen. Wie es allgemein anerkannt und bekannt ist, hat es in der Geschichte der Menscheit vier bedeutende Zivilisationen gegeben: die babylonische, die ägyptische, die indische und die chinesische Kultur. Doch nur die chinesische Zivilisation hat die Geschichte überstanden, während alle anderen drei längst ausgestorben oder unterbrochen war. Die europäische Kultur gehört zur Zivilisation des Mittelmeerraums, die infolge der Begegnung der babylonischen und ägyptischen Zivilisationen entstanden ist. Selbstverständlich möchte ich die Errungenschaften und die Beiträge der Mittelmeerkultur nicht unterminieren. Die schriftlich zurückverfolgbare Geschichte Chinas umfasst ca. 5000 Jahre, wovon 4200 Jahre mit ununterbrochenen schriftlichen Zeugnissen belegt sind. Kulturelle Erben, die vor 2000 Jahren schon den Alltag der chinesischen Bevölkerung beeinflusst haben, finden heutzutage immer noch ihren Echo . Allgemein bekannte Proverbe wie z. B. «Beim Zusammentreffen von drei Menschen gibt es immer einen, den ich als Lehrer nehmen kann (Man soll von jedem lernen)», oder die chinesische Version der Goldenen Regel «Was du nicht willst, dass man dir tu, füge ich keinem anderen zu» stammen der konfuzianischen Lehre. Konfuzianische, daoistische sowie andere traditionelle Ideen und Konzepte üben heute immer noch starken Einfluss auf die moderne chinesische Mentalität. Die jahrtausendelange Geschichte Chinas ist von Glanz gekrönt und hat die sog. «Vier grossen Erfindungen», i. e. Schwarzpulver, Kompass, Buchdruck und Papier, hervorgebracht. Der Überlieferung nach zufolge untersuchte der Yandi (Yan Kaiser) alias Shennong, der Kultheld in der chinesischen Mythologie, die Pflanzen auf ihre medizinische Eigenschaften und entdeckte die Art und Weise, wie man Feuer benutzen konnte, und Huangdi, der vermeintliche Bruder von Yandi und ebenfalls ein Stammvater der Chinesen, der ursprünglich als Kriegsgott verehrt worden war, sollte Kriegswaffen erfunden haben. Dies sollte etwa um 3000 vor Christus geschehen sein und gilt als bedeutsame Beiträge für die Entwicklung der menschlichen Zivilisation. Deshalb bezeichnen wir uns mit Stolz als Nachfahren von Yan und Huang. Die Offenheit der chinesischen Kultur erlebte während der Tang-Dynastie (7. – Ende 9. Jahrhundert) einen Höhepunkt. Ebenfalls stellt die mongolische Yuan-Zeit (13.- 14. Jahrhundert) eine Blütezeit der Ost-West-Kontaktaufnahme dar. Weltweit bekannt ist die Reise von Marco Polo, der gemäss dem Reisebericht, der seinen Namen trägt, von Venedig nach China gekommen sei und nach seiner Rückkehr in die Heimat ständig von seinen wunderbaren Erlebnissen im Orient, unglaublichen Geschichten sowie Lebensumständen in China erzählt habe. Damit gewannen die Europäer ein grobes Bild über das weit entfernte Land, das damals sowohl exotisch als auch abschreckend wirkte. Allerdings wendete sich der Blatt, als die mandschurische Qing-Dynastie das Land regierte und die Politik der Abschottung vorherrschte. Infolge dessen musste China Angriffskriege von den westlichen Mächten und somit das Jahrhundert der Demütigung erleiden, währen sich im Westen die Industriellen Revolution bereits vollzogen hat und die europäischen Länder auf weltweiten Expansionskurs kamen.

Journalist: So nach dem Motto «Jeder lernt von jedem»: Meinen Sie damit, dass Europa, die USA und China voneinander lernen können bzw. sollen?
Botschafter Geng: Die USA sind im Moment immer noch globaler Anführer in Hinsicht auf Produktivität, gefolgt von Europa. Asiatische Länder, darunter auch China, verzeichen eine rasanate Entwicklung. Nehmen wir China als Beispiel. Die chinesische Wirtschaft hat den Prozess der einfachen Verarbeitung, des Kopierens bis hin zur Innovation aus eigenständiger Motivation durchlaufen müssen. Kurz nach der Gründung der VR China sahen wir uns mit einer sehr ungünstigen internationalen Umgebung konfrontiert, da die Entwicklungsmöglichkeiten Chinas inmitten der Konfrontation zwischen den USA und der UdSSR stark eingeschränkt waren. Dass die Schweiz sich trotz dieser schwierigen Umstände entschied, die offizielle diplomatische Beziehung mit der VR China aufzunehmen, dafür sind wir sehr dankbar. Die Volksrepublik besteht schon seit fast 70 Jahren. In den ersten 30 Jahren haben wir ein komplettes Industriesystem aufgebaut und damit den Grundstein für weitere Entwicklung gelegt. Ungeachtet der internationalen Blockade und des primitiven Wirtschaftszustandes arbeiteten Chinesen selbständig und fleissig, es ist uns gelungen, Satelliten, Atombombe und Wasserstoffbombe zu bauen, deren Technologie damals den USA und der UdSSR, den hegemonialen Mächten der Welt, vorbehalten war. Allerdings haben wir auch Umwege in der Politik gemacht, einige Fehler im politischen Kurs. Alles änderte sich mit der Einführung der Reform- und Öffnungspolitik vor 40 Jahren. Seitdem kommt die Wirtschaft in Aufschwung. China öffnet das Tor zur Welt, gewährt ausländischen Investoren Zutritt auf den chinesischen Markt und lernt ausländische fortschrittliche Technologien sowie Managementserfahrungen. Seit 40 Jahren legen wir – sowohl die Führungsschicht als auch die Bevölkerung – immer grossen Wert darauf, vom Westen zu lernen, was dazu führt, dass wir zwar vom Kopieren angefangen haben, aber inzwischen schon zum Stadium gekommen sind, dass sich die Innovation zum Hauptträger der wirtschaftlichen Entwicklung entwickelt hat. Diesen Prozess vom Lernen zur eigenständigen Innovation, dem Bemühungen und Fleiss zugrunde liegen, vernachlässigen die westlichen Länder jedoch zu gerne, stattdessen werfen sie China das «technische Plagiat» vor. Doch denken Sie mal nach: Gibt es jemals jemanden, der allein mithilfe von Diebstahl Milliadär werden kann? Genauso geht es bei den Staaten: Kein Staat kann allein mit technischem Plagiat eine echte Weltmacht werden. Die westliche Welt kann die Fortschritte, die China in den letzten 40 Jahren in Bereichen Innovation und Schutz des geistigen Eigentums erzielt hat, nicht weiterhin ausser Acht lassen, sondern soll diese Fortschritte ausreichend würdigen. In der Anfangsphase der Reform und Öffnung haben wir tatsächlich eine Zeit lang Geld dafür ausgegeben, Patente zu kaufen, und das Unterrichten von Technologien als Voraussetzung für den Marktzugang gesetzt. Das ist der sog. «gezwungene Technologientransfer», von dem die ausländischen Medien immer wieder sprechen. Tatsache ist jedoch, dass ausländische Unternehmen dank ihrer Kooperation mit chinesischen Partnern den chinesischen Markt erweitern und reichliche Gewinne erzielen können. Derartige Kooperation gibt den Marktteilnehmern Anreiz dazu, Innovationen im Makrtwettbewerb ständig voranzutreiben, so dass sie unter marktwirtschaftlichen Bedingungen zur Win-Win-Situation gelangen.

Journalist: Ist Huawei inzwischen zur Zielscheibe vieler Parteien geworden?
Botschafter Geng: Das ist das Problem, mit dem Huawei in seiner gegenwärtigen Entwicklungsphase konfrontiert ist. Als Huawei noch kein Marktführer in seiner Branche war, existierte dieses Problem nicht. Damals ging Huawei auf die Spuren der Anderen und folgte einfach den Spitzenunternehmen. Doch nun hat sich Huawei zum Marktführer seiner Branche entwickelt, vor ihm steht kein Schutzschirm mehr, so wird er zur Zielscheibe der Kritik. Die Innovationsleistung von Huawei im 5G-Netzwerk kann ihm keiner abstreiten, trotzdem wird die Arbeit von Huawei immer wieder von einigen westlichen Ländern bezweifelt. In manch einen westlichen Medien fehlt auch objektive Berichterstattung darüber, was die hartnäckigen Vorurteile einiger weniger westlichen Länder gegenüber China und chinesischen Unternehmen widerspiegelt. Die chinesische Wirtschaft tritt nun in die Phase der innovationsgetriebenen Entwicklung ein, wobei die Innovation zum leitenden Konzept der meisten chinesischen Unternehmen geworden ist.

Journalist: Wie würden Sie die Distanzierung der Europäer zu chinesischen Unternehmen erklären?
Botschaft Geng: Das kann man historisch interpretieren. Vorurteile entstanden durch die langfristige negative Berichterstattung der Medien, was wiederum dazu führt, dass die westliche Welt China und chinesische Unternehmen nur mit mangelhafter Objektivität kennenlernen konnte. Seit der Reform und Öffnung bemüht sich China ständig, den Westen eingehend zu erforschen, aber im Westen fehlt immer noch das grundlegende Verständnis von China.  In der Anfangsphase haben wir den Westen als Vorbild genommen und die Industriemodelle des Westens voller Demut gelernt. Selbst heute ist China immer bereit, vom Westen zu lernen. In Hinsicht darauf kann man wohl behaupten, wir Chinesen studieren den Westen viel mehr als vice versa. Wenn man mit Demut und Fleiss lernt, macht man natürlich Fortschritte. Es ist auch üblich, dass Schüler die Lehrer übertreffen.
Journalist: Xiaomi-Watches und chinesische Marken von Smartphones zeigen das Niveau der High-Tech-Entwicklung Chinas. Glauben Sie, dass dies Ängste im Westen auslösen?
Botschafter Geng:Wie auch immer der Westen die technische Entwicklung Chinas bewertet, sehen wir Chinesen wohl ein, dass die Innovation eine Schlüsselrolle im Aufstieg des Landes spielt und die Innovation ihrerseits von der internationalen Zusammenarbeit abhängt. Um Innovationen zu fördern, bemüht sich die chinesische Regierung, den Schutz des geistigen Eigentums durch Vervollständigung der einschlägigen Gesetze zu stärken.Die diesbezügliche Kritik seitens des Westsens gehört schon der Vergangenheit. Es ist sinnlos, ein abgeschlossenes Kapitel wieder aufzuschlagen.

Journalist: Können Sie etwas zum Handelskrieg zwischen China und den USA erläutern?
Botschafter Geng: Der Handelsstreit ist nur das oberflächliche Phänomen. Im Wesentlichen geht es darum, dass die USA versuchen, die Entwicklung Chinas einzudämmen. Ein Land, welches ständig Fortschritte machen möchte, soll aber nicht erwarten, dass seine eigene Entwicklung ein anderes Land beeinträchtigt oder gar destruiert. Stattdessen soll der faire Wettbewerb gefördert werden, mit Hilfe dessen wissenschaftliche und technische Fortschritte erlangt werden können, was letztendlich den Aufbau der Schicksalsgemeinschaft der Menschheit ermöglicht. Gerade jetzt sprechen einige Medien gerne vom sog. «Handelskrieg» zwischen China und den USA. Was für einen Krieg es auch immer ist – sei er konventionell oder «Handelskrieg» -, die Menschheit kann weder dem einen noch dem anderen vertragen. Einstein hat einmal gesagat: «Ich bin nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen.» Dies ist auch der Grund, warum in der modernen Welt Frieden und Entwicklung im Fokus stehen.

Journalist: Viele Menschen sind der Ansicht, dass die USA in eine schwächere Position zurückgegangen seien und ihre Rolle als Weltführer allmählich verlören, während China zur Weltmacht aufsteige.
Botschafter Geng: Hier muss ich Ihre Aussage mal korrigieren: Die USA gelten immer noch als das stärkeste Land der Welt und geraten nicht in eine schwächere Position. Was Innovation und Wettbewerbsfähigkeit angeht, da gehören die USA immer noch der Weltspitze. Allerdings befindet sich China auf dem Aufholweg, so dass der Unterschied zwischen den beiden Ländern verringert ist. Allerdings ist es gefährlich für die Welt, wenn es nur eine Supermacht gibt. Das internationale Machtverhältnis muss immer in Balance gehalten sein. Die europäische Geschichte zeigt uns, dass die politische Konstellation mit einer monopolistischen Supermacht normalerweise zum Ausbruch eines Krieges führt. Ein geeignetes Beispiel dafür ist Deutschland während des Ersten und des Zweiten Weltkrieges, das als Auslöser in den Nachkriegszeiten hohen Preis zahlen und an territorialer Spaltung einbüssen musste. Wir Chinesen lernen gerne aus der Geschichte, sei sie unsere eigene Vergangenheit oder die von anderen Ländern. Deswegen schlagen wir vor, eine Schicksalsgemeinschaft der gesamten Menschheit aufzubauen. Um dieses Konzept zu realisieren, greifen wir auf zwei konkrete Massnahmen ein: Erstens treiben wir bewusst die internationale Kooperation im Rahmen der «Belt & Road»-Initiative voran, damit die verschiedensten Interessen aller Länder zusammengetragen werden können. Zweitens fördern wir den Aufbau einer neuen Art von internationalen Beziehungen, die auf der Grundlage der Gleichheit und des Einander-Respektierens basieren. Die langjährige Sino-schweizerische Beziehung stellt dabei ein Vorbild dar, dass Länder unterschiedlicher Grössen unter der Bedingung der Gleichheit wohl zusammenarbeiten können. China engagiert sich nach wie vor dafür, den Weltfrieden mitzukonstruieren, Beiträge für die Weltwirtschaft zu leisten und die Weltordnung zu bewahren.


 

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