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Botschafter Geng Wenbing veröffentlicht die Kolumne "Mein Vaterland und Ich" in der "Weltwoche"
2019/09/23
Am 19.9.2019 erschien in der Weltwoche, einer renommierten schweizerischen Zeitschrift, der Beitrag des Botschafters GENG Wenbing mit dem Titel«mein Vaterland und ich».Im folgenden findet sich der vollständige Text:
 
 
Am 01.10.2019 wird die Volksrepublik China, mein Vaterland, den siebzigsten Geburtstag feiern. Mein Vaterland und ich, wir teilen Erfahrungen des gemeinsamen Aufwachsens von 60 Jahren. Als Augenzeuge begleite ich das Land den glorreichen Weg vom Rückstand zum Wohlstand, von der Armut zum Aufblühen.

Kurz nach der Gründung der Volksrepublik China litt das Land während der 1950er und 1960er aufgrund der territorialen Grösse und der erbärmlichen Ausgangslage, in Verbindung mit dem Boykott westlicher Länder unter wirtschaftlichen Notsituation und materiellen Mangel. Die Versorgung mit unentbehrlichen Alltagsgütern wurde durch einen Rationierungsmechanismus geregelt. Ausgegeben wurden Marken und Karten für alle möglichen Güter wie Getreide, Stoff, Speiseöl und Fleisch et cetera, mit denen – und nur mit denen–man die entsprechenden Produkte erwerben konnte. Die Verwendung solcher Marken und Karten ist so tief in meinem Gedächtnis verankert, dass sie zu einem verinnerlichten Teil meiner Jugend geworden ist.

Auf der Strasse waren kaum Fahrräder zu sehen, geschweige denn Autos. Zu jener Zeit gab es nur geringfügige Unterschiede zwischen Arm und Reich, denn alle waren gleich arm. Im Jahr 1976 erreichte das Bruttoinlandprodukt pro Kopf erstmals den Betrag 318 Renminbi Yuan, umgerechnet rund 36 US Dollar nach dem damaligen Wechselkurs. Gemessen am Index des Lebensstandardes der Vereinten Nationen, lebte fast die ganze chinesische Bevölkerung in Armut, so dass ihr Wunsch nach einem guten Leben ausschliesslich darin bestand, ausreichend mit den lebensnotwendigen Sachen wie Nahrungsmitteln und Kleidungen versorgt zu werden. Trotz der Rüchstandigkeit und der Armut hat sich Chinas Bevölkerung aber nie über ihr Vaterland beschwert, und sie gab nicht auf, nach einer besseren Zukunft zu streben.

Im Jahr 1977 durfte die chinesische Bevölkerung endlich die bedeutenden Reformen des Sozialwesens, in deren Mittelpunkt der Aufbau der Wirtschaft stand, sowie des Bildungssystems begrüssen. Ich gehörte zur ersten Generation, die von diesen Reformen profitierte. In demselben Jahr verabschiedete ich mich von meiner Heimat und reiste nach Beijing, um dort mit meinem Universtätsstudium zu beginnen. Im darauffolgenden Jahr 1978 fand die dritte Plenartagung des 11. Zentralkomittees der KP Chinas in Beijing statt und die Reform und Öffnung wurden dabei als politisches Programm festgelgt. Ich errinnere mich noch sehr gut an den Moment, als ich zusammen mit meinen Kommilitoninnen und Kommilitonen auf die Strasse ging und über diese grossartige historische Entscheidung feierte.

Seitdem hat China seine Tore zur Welt geöffnet. Innenpolitisch betrachtet, wurden und werden Reformen durchgeführt, und nach aussen hin wird die Öffnung immer weiter betrieben. Die Reform- und Öffnungspolitk zeigte rasch ihre Wirkungen: Das Einkommen erhöhte sich ständig, das Lebensmittelangebot wurde vielfältiger, und ein Durchschnittshaushalt konnte sich auch mal hochwertige Konsumgüter leisten. Parallel dazu fanden westliche Kultur, Kunst sowie Alltagsprodukte Eingang in China, und es gab ja auch ausländische Unternehmen, die Invesitionen auf dem chinesischen Markt tätigten. Das schweizerische Unternehmen Schindler, Hersteller von Aufzügen und Fahrtreppen, war beispielsweise der erste westliche Industriekonzern, der ein Joint-Venture in China gründete. Die Einführung der Reform- und Öffnungspolitik gilt damit als Ausgangspunkt für die rasante Entwicklung der chinesischen Wirtschaft.

Zwischen 1988 und 1992 arbeitete ich vier Jahre lang in der chinesischen Botschaft im Libanon. Nach meiner Rückkehr stellte ich fest, dass die chinesische Gesellschaft und Wirtschaft dank der Reformen und der Öffnung tagtägliche Veränderungen erlebten. Fernsehgeräte, Telefon und Privatwagen gehörten allmählich zum Alltag der Bevölkerung, und der Aufbau der Infrastruktur erfolgte in hohem Tempo. Allerdings waren einige Menschen derart erschüttert durch den Zerfall der ehemaligen Sowjetunion, dass bei Ihnen Zweifel aufkamen, ob die Reform- und Öffnungspolitik weiterhin druchgeführt werden sollte. In diesem kritischen Moment unternahm Herr Deng Xiaoping im Jahr 1992 eine Reise nach Südchina und hielt während dieser eine Serie bedeutsamer Reden, um das Vertrauen und die Entschlossenheit mit Blick auf den Kurs der Reform und Öffnung der chinesischen Bevölkerung zu stärken. Seitdem regen sich im Volk kein Zweifel mehr. Wir schreiten mit Entschlossenheit auf dem Weg der Reform und Öffnung voran, der uns immer weiter in eine helle Zukunft mit unzähligen Möglichkeiten führt.

Die Zeit verfliegt, --und schon bald überschritten wir die Schwelle zum neuen Jahrhundert.

Während des ersten Jahrzehntes im neuen Jahrhundertes ist viel Einscheidendes geschehen. Laut einer Online-Umfrage in China gelten, so die Ansicht einer grossen Mehrheit der Bevölkerung, der Beitritt Chinas zur WTO, das erfolgreiche Ausrichten der Olympischen Spiele sowie das Erdbeben in Wenchuan (Provinz Sichuan) die drei wichtigsten Ereignisse, die das Land im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhundertes massgeblich beeinflusst haben. Bezogen auf die Weltgeschichte, stehen die Terroanschläge vom 11. September 2001, dem Beitritt Chinas zur WTO sowie die Subprime-Hypothekenkrise ganz oben auf der Liste. Ich persönlich bin mit den Ergebnissen dieser Umfrage einverstanden. In der Tat erweist sich der Beitritt Chinas zur WTO als ein wichtiges Ereignis im Rahmen von Reform und Öffnung. Er markiert einerseits das Aufschlagen eines neuen Kapitels in der Öffnungspolitik, andererseits wirkt er sich auch auf Veränderungen des Welthandels aus. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie sich zahlreiche Skeptiker wegen des Beitrittes Sorgen darüber machten, dass die chinesische Industriestruktur infolge des Zustroms ausländischer Produkte und Unternehmen ernsthaften Rückschlägen ausgesetzt sein werde.

Im Nachhinein hat sich aber herausgestellt, dass die chinesische Wirtschaft dem Druck nicht nur gut standgehalten, sondern sich von der sechstgrössten zur zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt entwickelt hat. Über lange Jahre hinweg hielt sich die durchschnittliche Jahreswachstumsrate des BIP bei mehr als 10%, und die Mittelschicht hat ständig an Gewicht gewonnen. Des Weiteren beginnen sich chinesische Unternehmen nun auf den internationalen Märkten zu präsentieren und etablieren. Das alles macht den Austauch zwischen China und dem Westen intensiver, so dass China sich ins Weltsystem integrieren und sich auf verschiedenen Gebieten mit den anderen Ländern verbinden kann. 
Seit dem XVIII. Parteitag der KP Chinas im Jahr 2012 befindet sich die chinesische Wirtschaft in einer «Neuen Normalität», das heißt in einer Art Übergang vom bisherigen Hochgeschwindigkeitswachstum zu einem qualitativ hochwertigen Entwicklungsmodell. Gleichzeitig wird eine Antikorruptionskampagne ins Leben gerufen, um den Aufbau der Regierungspartei zu stärken. Unter diesen Umständen wurde ich von meiner Stelle als Botschafter in einem afrikanischen Land zurück nach China berufen und anschliessend als Vorsteher der Abteilung für Disziplinaraufsicht im Aussenministerium eingesetzt.

In diesem Amt hatte ich die Chance, die Entschlossenheit und die Effizienz der Kommunistischen Patei bei der Bekämpfung der Korruption persönlich zu erleben. So konnte ich auch mitverfolgen, wie sich das soziale Verhalten im Allgemeinen verbesserte, mit eigenen Augen nahm ich die Stärkung der Glaubwürdigkeit der Regierung wahr. Man kann sagen, dass mit dem Erfolg der Antikorruptionskampagne ein vortreffliches politisches Ökoumfeld geschaffen wird, ein Umfeld, das China dazu befähigt, die Öffnung weiter voranzutreiben und die nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung zu realisieren. Damit wird die Entwicklungsstrategie der «Integration der fünf Dimensionen» sichergestellt und umgesetzt.

In China ist heutzutage der Sozialismus chinesischer Prägung in eine neue Ära eingetreten. Die Sorge, mehr als eine Milliarde Menschen mit dem Nötigsten versorgen zu können, stellt kein Problem mehr dar. Das Streben nach einem besseren Leben ist vielfältiger ausgerichtet. Parallel zur Vertiefung der internen Reformen und der Öffnung nach aussen legt China auch grossen Wert auf den Umweltschutz und betrachtet den ökologischen Fortschritt als genauso wichtig wie die Entwicklung der Politik und Wirtschaft. Unseres Erachtens sollen alle Länder  einschließlich Chinas, die Erde, unseren Heimatplaneten, gemeinsam beschützen und pflegen, so dass unsere Nachfahren nicht nur im materiellen Wohlstand leben, sondern auch die Sterne bewundern, schöne Berge genießen und Blumenduft riechen können.

Die heutige Welt befindet sich in einem Umwandlungprozess, der in den vergangenen hundert Jahren einzigartig war. Auf internationaler Ebene trägt China mit seiner eigenen Weisheit und seinem eigenen Programm aktiv bei zur globalen Governance und zur Lösung von Problemen. Das Land hilft mit beim Bewahren des Weltfriedens, bei der globalen Entwicklung und der Verteidigung der Weltordnung. Noch nie war das Interesse und die Aufmerksamkeit der Welt für China so stark, tiefgreifend und konzentriert wie heute, während der Einfluss Chinas auf das Weltgeschehen noch nie so umfassend, tiefgründig und nachhaltig war. Meine ganze Karriere als chinesischer Diplomat beruht auf dem Aufblühen und der Entwicklung meines Vaterlandes. Ich bin äusserst stolz auf die Glanzleistungen, die mein Vaterland in den vergangenen 70 Jahren erzielt hat, und darauf, dass ich mit meinem Dienst zur Aussenpolitik Chinas beitragen darf.

Die chinesische Bevölkerung ist auf gutem Weg, einen geeigneten Zukunftsplan zu schmieden. Auf dem XIX. Parteitag 2017 wurde ein visionärer Plan für die Zukunft Chinas vorgestellt. Bis Ende nächsten Jahres wird in China der Aufbau der Gesellschaft mit bescheidenem Wohlstand vollendet sein, was bedeutet, dass 1.4 Milliarden Chinesinnen und Chinesen sich endgültig von der Armut verabschieden können. Allein dieser Erfolg der Armutsbekämpfung darf als grosse Errungenschaft in die Geschichte der Menschheit eingehen. Bis 2035 sodann soll die sozialistische Modernisierung grundsatzlich verwirklicht werden.Bis 2049 soll sich China dann zu einem sozialistischen modernen Land entwickelt haben, das wohlhabend, stark, demokratisch, zivilisiert, harmonisch und schön sein soll.

Präsident Xi Jinping hat einmal gesagt: «Die Geschichte schreitet immer voran. Sie wartet nie auf Zögernde, Abwartende, Faulenzer und Schwache. Nur denjenigen, die mit der Geschichte Schritt halten und sich demZeitgeist entsprechend verhalten, wird eine glänzende Zukunft zuteilen werden.»

Ich wünsche meinem geliebten Vaterland alles Gute zum Geburtstag und wünsche der Volksrepublik China eine glänzende Zukunft.
 
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