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Die Entwicklung von Chinas Wissenschaft
2012/10/09

Chinas hellste Köpfe sind dabei, sich einigen der wichtigsten Politikansätze in Wissenschaft und Technologie anzunehmen. Doch auch die angestaubte wissenschaftliche Umgebung ist nicht gegen Klatsch und Intrigen gefeit, wie die jüngste Kontroverse über den akademischen Hintergrund eines neuen Mitglieds zeigt.

Chinesische Top-Wissenschaftler trafen sich vom 11. bis 15. Juni in Beijing an einer zweijährlich veranstalteten Konferenz zu einer Diskussion über die wissenschaftlichen Ziele des Landes. Dies was das grösste chinesische Expertentreffen in den Gebieten Wissenschaft und Technik.

Über 1 200 Akademiker nahmen an der Konferenz teil. Diese bestand aus der 16. Generalversammlung der Mitglieder der CAS und der 11. Generalversammlung der Mitglieder der CAE.

Die Akademiker betreiben Forschung und bieten Beratung zu wichtigen globalen Herausforderungen. Viele ihrer Vorschläge wurden bereits von der Zentralregierung übernommen. Wie Zhu Daoben, ein bekannter chinesischer Chemiker und einer der Leiter der Akademiker, erklärt, hilft die Konferenz bei der Förderung eines ausgewogeneren und demokratischeren Entscheidungsfindungsprozesses bei der Ausformung nationaler Politikansätze.

Diskussionen

Die diesjährige Konferenz wurde von Debatten über die Integrität des aktuellen Rekrutierungsstandards für Akademiker überschattet.

Die Teilnehmer diskutierten endlos darüber, ob der CAE-Akademiker Xie Jianping auch auftauchen würde; sein Eintritt in die Gruppe sorgte für heisse Diskussionen, nachdem bekannt worden war, dass er Verbindungen zur Tabakindustrie hat.

Xie ist Vizepräsident des Zhengzhou Tabak Forschungsinstitutes der China National Tobacco Corp. Als sein Name am 8. Dezember 2011 auf der Liste der neu ernannten Akademiker der CAE auftauchte, wurden er und der Rekrutierungsausschuss online heftig kritisiert.

Xie ist unter den Internet-Nutzern als der "Tabakakademiker" bekannt. Seine Forschung zur Reduktion des Teergehalts von Zigaretten kam unter Beschuss, als ihn Kritiker beschuldigten, den Verkauf von Tabak zu fördern und mehr Leute zum Rauchen anzustiften.

Zusätzlich zur online-Opposition verurteilten mehr als 20 Akademiker der CAE für Gesundheitsvorsorge Xies Forschungsarbeit als irreführend, und fast einhundert verlangten in einem Brief, dass die CAE seine Qualifikationen noch einmal neu bewerte.

Die CAE wies die Beschwerden mit der Begründung ab, dass Xie keine Vorschriften oder Regeln verletze und dass seine Zulassung mit den Standards der CAE im Einklang sei. Hong Nanshan, ein Akademiker der CAE, meinte daraufhin, das Zulassungverfahren müsse revidiert werden, wenn es nicht dem Wohlergehen der Leute diene.

Die CAE und CAS haben die Tücken in ihrem System zweifelsohne erkannt.

"Das Rekrutierungssystem zu verbessern ist ein wichtiger Aspekt der mittel- und langfristigen Talentplanung des Landes", sagte Bai Chunli, Präsident der CAS, an der Konferenz in Beijing. "Diese Aufgabe wird unter der Leitung der CAS gemeinsam mit der CAE, dem Erziehungsministerium und dem Ministerium für Wissenschaft und Technik ausgeführt."

Er fügte an, dass sie 2012 einen Spezialbericht über das Rekrutierungssystem fertigstellen und der Regierung zur Kontrolle unterbreiten werden.

Seit der Etablierung der CAS im Jahr 1949 und der CAE im Jahr 1997 hat China in den Gebieten Wissenschaft und Technologie eine rapide Entwicklung durchgemacht. Seit 1997 veranstalten die CAS und die CAE gemeinsam die alle zwei Jahre stattfindende Akademikerkonferenz.

Gegenwärtig gehören der CAS 723 und der CAE 774 Akademiker an. Das Durchschnittsalter der 51 neu ernannten CAS-Akademiker ist mit 52,6 Jahren das tiefste seit der Errichtung der CAS. Von den 54 neu ernannten CAE-Akademikern ist der jüngste 46 jährig, und 38 sind unter 60, was einem Anteil von 70,4 Prozent entspricht. Es ist also ein Trend zur Verjüngung erkennbar.

Internationale Unterstützung

In den letzten Jahren hat die Anzahl ausländischer Akademiker in China zugenommen. Zurzeit sind bei der CAS 64 und bei der CAE 41 ausländische Akademiker beschäftigt.

Colin Blakemore, Professor für Neurowissenschaft an der Oxford Universität, Mitglied der Royal Society of the United Kingdom und einer der ausländischen Akademiker an der CAE, meinte, es sei grossartig, dass chinesische Wissenschaftler an der nationalen strategischen Beratung teilhaben und durch Forschungsprojekte bei der langfristigen Planung der wissenschaftlichen und technologischen Entwicklung des Landes mitmachen können. Er fügte zudem an, dass Regierungsbeamte sich während der Entwicklung von Politikansätzen oft mit Akademikern berieten.

Diese Meinung teilte auch Alfred Y. Cho, ausländischer Akademiker an der CAS.

Cho war Präsident der Halbleiterforschung beim Bell Labs. Er ergänzte, dass die Einbindung von Wissenschaftlern in die Beratung der Regierung der wissenschaftlichen und technologischen Entwicklung des Landes dienlich sei.

Bai fügte an: „Um ein höheres Niveau zu erreichen, werden wir immer auf die Vorschläge und die Unterstützung ausländischer Akademiker angewiesen sein."

Norman N. Li, ein ausländischer Akademiker an der CAS und Akademiker an der United States' National Academy of Engineering, nahm vor seiner Ankunft in Beijing an einem Treffen in Washington D.C. teil.

Als seine Kollegen von seiner Teilnahme an der Konferenz in China erfuhren, erklärten sie sich gewillt, die Zusammenarbeit mit China zu verstärken. Li erklärte weiter, er sei bereit, eine Brücke der Kommunikation zwischen China und den Vereinigten Staaten zu bilden.

Li war nicht der einzige mit dieser Mission. „Chinas und Japans Forschung haben beide ihre Vorteile. Sie ergänzen einander", meinte Ryoji Noyori, Nobelpreisträger und neu gewählter ausländischer Akademiker der CAS, und fügte hinzu, die Kooperation zwischen Völkern mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen könne die wissenschaftliche und technologische Entwicklung in der Welt fördern. Er danke deshalb seinen chinesischen Kollegen in seinem Forschungszentrum für ihre Unterstützung.

Wissenschaft der Reform

Das wissenschaftliche und technologische System zu reformieren war ebenfalls eine Priorität der Konferenz.

Der chinesische Präsident Hu Jintao erwähnte in einer Rede an der Konferenz, das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas sei dabei, einen Entwurf zur Vertiefung der Reform des wissenschaftlichen und technologischen Systems sowie zur Beschleunigung des Aufbaus des Innovationssystems auszuarbeiten. Er betonte zudem die Bedeutung und die Dringlichkeit der Reformen.

Xia Jianbai, Akademiker am Institut für Halbleiter am CAS, erklärte, dass sich wahre Fortschritte trotz schnell ansteigenden Investitionen in wissenschaftliche Forschung wegen Fehlern im Status Quo erst noch zeigen müssen.

"Vor dreissig Jahren machten wir hauptsächlich Follow-Up-Studien. Heute aber sind wir zu innovativen Studien fähig", meinte Chun Junhao, Akademiker an der CAS und Experte für Halbleiterelemente. „Zwar fehlt es uns für Innovationen weder an Experten noch an Equipment oder Kapital. Doch das aktuelle Forschungssystem verhindert den Innovationsprozess. Die Reform sollte so bald wie möglich durchgeführt werden."

Viele Akademiker sind sich einig, dass die wissenschaftlichen und technologischen Mittel zu verstreut, zu repetitiv und zu verwaltungsorientiert eingesetzt werden. Dies behindert das Land bei der Entwicklung innovativer Fähigkeiten.

Sie betonen, dass es unerlässlich sei, zuerst die Regeln der Innovation vollumfänglich zu verstehen, bevor die Vor- und Nachteile des aktuellen wissenschaftlichen und technologischen Systems gemeistert werden können. Nur so kann China ein System entwickeln, welches mehr mit den Regeln des wissenschaftlichen Fortschritts im Einklang ist, der Kultivierung von Talenten und innovativer wissenschaftlicher Forschung dient und die nachhaltige Entwicklung des Landes langfristig unterstützt.

Der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao hielt an der Konferenz am Nachmittag des 11. Juni eine Rede für die Akademiker, in welcher er die Perspektiven auf eine Reform erläuterte.

Wen hielt die Anwesenden dazu an, mehr Wert auf betriebliche Innovationen zu legen. Der Schlüssel zur Reform liege in der Etablierung eines technologischen Innovationssystems, in welchem die Unternehmen die wichtigste Säule darstellen.

Firmen sollen nicht nur eine treibende Kraft bei der Überführung von wissenschaftlichen und technischen Forschungsergebnissen in reale Produktivkräfte sein, sondern zu den Hauptakteuren bei der technologischen Forschung und Innovation werden.

Anmerkung der Redaktion: Chinas akademische Top-Institutionen erhalten inmitten aussergewöhnlicher wissenschaftlicher Fortschritte eine noch nie da gewesene Aufmerksamkeit für für ihre Beiträge zum nationalen Fortschritt in Wissenschaft und Technik. Die Chinesische Akademie der Wissenschaften (Chinese Academy of Sciences, CAS) und die Chinesische Akademie des Ingenieurwesens (Chinese Academy of Engineering, CAE), beide Sitz der besten wissenschaftlichen Think Tanks des Landes, ebnen den Weg für Chinas Zukunft. Die Beijing Rundschau stellt im Rahmen dieses Themas alle drei Wochen ein Mitglied der obengenannten Akademien vor, beleuchtet deren Verdienste und präsentiert den Lesern die Gruppe der wichtigsten Akademiker bei der Entwicklung der chinesischen Wissenschaft und Technik.

(Quelle: Beijing Rundschau)

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